Operation Urgent Fury

(Grenada, 1983)

story_urgent_fury_map_grenadaAm Morgen des 25. Oktober begannen amerikanische Streitkräfte mit der Invasion der kleinen Karibikinsel Grenada. Dort hatten kommunistischen Kräfte die Macht übernommen und die legale Regierung abgesetzt. Die Elite- und Spezialeinheiten sollten die Insel in einem Überraschungsangriff besetzen und sichern, sowie die als Geiseln festgehaltenen ausländischen Medizinstudenten und den Gouverneur Paul Scoon befreien. Der Gegner bestand aus kommunistischen Milizen und kubanischen “Beratern”. Innerhalb von 48 Stunden hatten die amerikanischen Verbände die Kontrolle über die kleine Insel erlangt, die Geiseln befreit und evakuiert. Auf den ersten Blick erschien die Operation wie ein klassischer Modellfall für eine Krisenintervention. Doch im Nachhinein betrachtet erscheint diese bis dahin größte  Militäraktion seit Ende des Vietnam-Krieges als Beinahedebakel, das von schweren Pannen und gravierenden Mängeln bei der Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Teilstreitkräften geprägt war. Eines der Hauptprobleme lag in der Rivalität der verschiedenen Waffengattungen und ihrer konkurrierenden Spezialeinheiten, die alle an dem Abenteuer teilhaben wollten. Ursprünglich sollte die gesamte Operation von der Navy und den Landungskräften der Marines durchgeführt werden. Das Pentagon entschied jedoch kurzfristig anders: Rangers und Deltas der Army, Combat Control Teams (CCT) der Air Force und SEALs der Navy sollten zusammen die Landung einleiten, erste Schlüsselpunkte besetzen und den Weg für die Marines und Einheiten der 82nd Airborne ebnen.

Auf Seiten der SEALs waren Kräfte des SEAL Team 4 und des SEAL Team 6 im Einsatz.

 

 

 

 

Aufklärung des Flugplatzes Point Salines / Installation von Sendeanlagen

Angehörige des SEAL Team 6 sollten zusammen mit Air Force Bodenkontrolleinheiten (CCT) in der Nähe des Flugplatzes Peilsender anbringen, deren Funksignale den amerikanischen Flugzeugen Navigationshilfe leisten sollten. Gleichzeitig sollte Feindaufklärung betrieben werden und die CCT sollten anschließend die Flugzeuge mit den Rangers über der Absprungzone einweisen. Die Mission wurde überhastet vorbereitet und war taktisch unklug. Der gemischte Trupp sollte nicht direkt aus der Luft infiltrieren, sondern die SEALs sollten zuerst an einem Rendezvouspunkt 40 Seemeilen vor Port Salinas bei völliger Dunkelheit einen Nachtsprung durchführen, um dort einen Zerstörer der Navy mit den Einweisern der Air Force zu treffen. Es herrschte schlechtes Wetter mit rauer See, also denkbar ungünstige Umstände für einen Wassersprung bei Nacht. Zudem hatten zwei normale Transportmaschinen der USAF mit nicht tiefflugtrainierten Besatzungen die Beförderung der Teams übernommen mit der Folge, dass diese zu weit vom Zerstörer entfernt abgeworfen wurden. Eines der zwei zuvor abgeworfenen Boote ging verloren und vier SEALs ertranken. Trotzdem versuchten die Übriggebliebenen die Infiltration, aber auf dem Weg an Land kam ihnen ein grenadisches Patrouillenboot in die Quere und sie mussten die Mission abbrechen. In der folgenden Nacht erfolgte ein erneuter Versuch. Auch dieser Versuch schlug jedoch fehl, der Motor eines der Boote sprang lange Zeit nicht an und beide Booten liefen schließlich voll Wasser. Die Teams konnten erst während der anschließenden Invasion aus dem Wasser aufgefischt werden. Durch das Fehlschlagen dieser Infiltrationsversuche wurden die Angriffstermine verschoben und auf die Tageszeit verlegt, was zu weiteren unnötigen Verlusten führte.

Diese notwendige Aufklärungsmission hätte das regional zuständige SEAL Team 4 vom Stützpunkt in Puerto Rico mit einem wesentlich geringeren Aufwand ausführen können. Doch dem SEAL Team 6 ging es vor allem darum die Gunst der Stunde zur Demonstration seiner Leistungsfähigkeit zu nutzen, was die vier SEALs Machinist's Mate First Class Kenneth Butcher, Quartermaster First Class Kevin Lundberg, Hull Technican First Class Stephen Morris und Senior Chief Engineman Robert Schamberger mit ihren Leben bezahlen mussten.

 

Eroberung des Regierungsgebäudes / Befreiung des Gouverneurs

Die zweite Mission des SEAL Team 6 war die Eroberung des Regierungsgebäudes und der Schutz des britischen Gouverneurs Sir Paul Scoon. Das 23 Mann starke Angriffsteam unter dem Kommando von Commander Robert Gormly näherte sich mit über einer Stunde Verspätung in zwei "Night Stalker" Black Hawk Hubschraubern dem Gelände und geriet bereits beim Anflug in schweres Abwehrfeuer einer Luftabwehrstellung. Die Führungsmaschine wurde getroffen mit dem Ergebnis dass dabei der Pilot und ein SEAL verletzt wurden. Sie schaffte es nicht ihr Team abzusetzen und musste umkehren. Die zweite Maschine wurde ebenfalls getroffen. Dennoch gelang es dem Piloten über dem Tennisplatz hinter dem Gebäude in den Schwebeflug zu gehen. Trotz schweren Beschusses gelang es 13 SEALs sich auf den Boden abzuseilen, nur Commander Gromly blieb zurück. Das stark dezimierte Team um Lt. John Koenig formierte sich und nahm das Regierungsgebäude im Handstreich ein. Nachdem sie den Gouverneur gefunden hatten nahmen die SEALs eine Verteidigungsposition innerhalb des Geländes ein. Eigentlich hatte man vorgesehen den Gouverneur und seine Familien auszufliegen, doch das war aufgrund der jetzigen Situation nicht mehr möglich. Also musste ein Alternativplan her. Lt. Koenig beschloss das Gebäude zu halten, bis ein Rettungstrupp eintreffen würde. Ein Scharfschütze bezog mit seinem G3 SG-1 Scharfschützengewehr Position an einem Fenster in einem der oberen Stockwerke und wurde zu einer Schlüsselfigur im darauf folgenden Kampf. Bereits kurze Zeit später begannen grenadische Einheiten, unterstützt von mehreren Schützenpanzern, mit einem Gegenangriff auf das Regierungsgebäude. Die SEALs hatten in diesem Fall keine Panzerabwehrwaffen dabei, was sich als fataler Fehler herausstellte. Zu allem Überfluss war das Funkgerät der Einheit beschädigt worden und man konnte keine Unterstützung anfordern. Nachdem man einen ersten Angriff erfolgreich abgewehrt hatte, kam dem Lt. Bill Davis die Idee über das örtliche Telefonnetz die Flughafenzentrale anzurufen. Der Flughafen Point Salines war bereits kurz zuvor von den Rangers besetzt worden und so wurde Luftunterstützung geschickt. Doch auch die beiden zur Unterstützung geschickten Sea Cobra Kampfhubschrauber wurden von den Luftabwehrgeschützen abgeschossen. Drei Marines kamen dabei ums Leben. Schließlich wurde eine AC-130 Spectre geschickt die aus großer Höhe mit ihrer 20mm Kanone die feindlichen Truppen unter Beschuss nahm. Durch die massive Feuerkraft der AC-130 kam der Angriff schließlich zum Erliegen. Die AC-130 kreiste im weiteren Verlauf über dem Gebiet und den Angreifern gelang es nicht den Regierungssitz im Sturm zu nehmen. Doch die SEALs saßen fest und mussten 24 Stunden ausharren, bis sie am folgenden Morgen von einer Kompanie Marines befreit wurden.

 

Eroberung des Radiosenders “Radio Freies Grenada”

Neben dem SEAL Team 6 war auch ein Zug von SEAL Team 4 an der Operation Urgent Fury beteiligt. Ein Auftrag der SEALs war die Eroberung des Radiosenders von Bousejour nördlich der Hauptstadt St. George. Zeitgleich mit dem Absprung der Rangers über dem Flugplatz Point Salines und der Luftlandung der Marines im Norden, landeten auch acht SEALs mit ihrem Schlauchboot in der Nähe des Flughafens und machten sich umgehen auf den Weg zum Radiosender. Zunächst verlief alles nach Plan: die schwachen Sicherungstruppen wurden problemlos überwältigt und die Anlage konnte ohne größeren Widerstand besetzt werden. Jetzt galt es den Sender bis zum Eintreffen von Verstärkung zu halten. Der kommandierende Offizier, Lt. Donald K. Erskine, ließ seine Männer auf Gelände Stellung nehmen und richtete einen Hinterhalt an der Zufahrtsstraße ein. Es dauerte nicht lange und ein Fahrzeug mit Milizionären näherte sich der Stellung. Die SEALs eröffneten das Feuer, doch es gelang einigen der Milizionäre zu fliehen. Damit waren die SEALs entdeckt und es näherten sich weitere feindliche Fahrzeuge, darunter ein leichter Schützenpanzer. Die aufgesessenen Schützen belegten das Rundfunkgebäude mit Maschinengewehr- und Granatwerferfeuer. Trotz ihrer lediglich leichten Bewaffnung mit nur einigen leichten Panzerabwehrwaffen, gelang es den SEALs ihre Position über eine Stunde gegen die zahlenmäßig überlegenen Angreifer zu halten. Doch ohne jegliche Luftunterstützung gegen die immer näher rückenden gepanzerten Gefechtsfahrzeuge und mit vier Leichtverwundeten wurde die Lage zunehmend kritischer. LT. Erskine, der selbst verwundet war, entschied schließlich sich in Richtung Strand abzusetzen. Die Sendeanlage wurde im Anschluss durch einen Luftangriff zerstört. Die SEALs versteckten sich bis zur Dunkelheit im Unterholz und schwammen dann aufs offenen Meer hinaus, wo sie schließlich von Hubschraubern aufgenommen wurden.

 

Stranderkundung im Bereich des Flughafen Pearl

Ein weiteres Platoon des regionalen SEAL Team 4, bei dessen Angehörigen es sich größtenteils um Kampfschwimmer des erst wenige Monate zuvor aufgelösten UDT 21 handelte, begleitete auch einen Verband der Marines (22nd Marine Amphibius Unit), der auf Grenada landen sollte. Die Kampfschwimmer unter dem Kommando von Lt. Michael Walsh erhielten nun den Auftrag die nordöstliche Küste der Insel erkunden. In einer Entfernung von ca. 25 km zur Küste verließen die SEALs in der Nacht zum 25. Oktober das Amphibische Dockschiff USS Ft. Snelling und fuhren mit zwei Sea Fox Fiberglasbooten in Richtung Küste. Es herrschte stürmische See, was jedoch kein Nachteil sein sollte. Nach kurzer Fahrt kamen drei grenadische Patrouillenboote auf die SEALs zu. Diese drosselten die Motoren und schlängelten sich auf einem Zick-Zack-Kurs unbemerkt an diesen vorbei. Kurze Zeit später erreichten die zwei Boote ihren Zielpunkt und die Kampfschwimmer wechselten in die mitgeführten Zodiacs, um das letzte Stück mit den Schlauchbooten zurückzulegen. Außerhalb der Brandung stoppten die Boote und die SEALs beobachteten den Landungsbereich zunächst mit Nachtsichtgeräten. Dabei stellten sie fest, dass dort reges Treiben herrschte: grenadische Soldaten und ihre kubanischen Berater waren dabei, in Erwartung eines amphibischen Angriffs, Verteidigungsstellungen anzulegen. Der kommandierende Leutnant entschied sich zwei Scout Swimmer Richtung Strand zu entsenden, um mehr Informationen zu sammeln. Diese näherten sich knapp unter der Wasserlinie dem Feind und beobachteten diesen unentdeckt aus nächster Nähe. Erneut kam den SEALs das schlechte Wetter zu Hilfe. Die Soldaten am Strand verloren die Lust und zogen sich nach einiger Zeit in ihre trockenen Unterkünfte am Flughafen Pearl zurück. Die beiden Taucher signalisierten den Booten und die restlichen SEALs kamen an Land, um eine ausführliche Aufklärung der feindlichen Stellungen und des Strandes zu betreiben. Das Ergebnis war eindeutig: der Strand war für eine amphibische Landung nicht geeignet. Per Funk ging die Meldung an die Landungsflotte und die SEALs zogen sich unbemerkt auf dem gleichen Weg zurück, wie sie gekommen waren.

Damit war diese Mission einer der wenigen, die man als erfolgreich bezeichnen kann. Einziger Wehmutstropfen war allerdings, dass die erlangten Informationen niemals vom Planungsstab berücksichtigt wurden. Wie die SEALs im Nachhinein erfuhren, waren von Anfang an sowohl ein amphibischer, wie auch ein Angriff aus der Luft geplant und wurden auch so durchgeführt. Dies ist ein weiteres Beispiel für die schlechte Koordination und Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Waffengattungen, wie sie typisch waren für die gesamte Operation Urgent Fury. 

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